Einer der Jungs, die uns öfter in unserer Wohnung besuchen, ist Jose Miguel. Jose Miguel (8) spricht nicht viel, was in der Dominikanischen Republik schon sehr auffällt, denn wenn die Dominicanos eines können, dann ist es viel reden. Ich an Jose Miguels Stelle würde aber im Moment auch nicht viel reden.
Jose Miguels Vater ist ein “Cristiano”, lebt also besonders streng religiös, und hat als solcher nicht sehr viel mit Drogen zu tun. Die Schwester seiner Frau hingegen hat einem Drogenbaron viel Kokain geklaut und sich abgesetzt. Diese haben Jose Miguels Vater dann ein Ultimatum gesetzt: In einer Stunde würden sie das Kokain bekommen – oder die Familie würde es bitter bereuen. Da der Vater von Jose Miguel aber auch nicht wusste, wo seine Schwägerin steckt, konnte die Familie nicht viel mehr tun, als abzuwarten. Pünktlich nach Ablauf der Stunde kam die Bande des Drogenverkäufers, schlug die Wohnung kurz und klein, die Familie blutig und zündete das Haus an. Das Haus ist bis auf die Fassade abgebrannt. Manchmal klagt Jose, das seine Wunden weh tun.
Die Familie hat jetzt materiell gesehen wirklich gar nichts mehr, auch alle Schulutensilien sind abgebrannt. Das Gesetz in der Dominikanischen Republik besagt aber, dass Kinder nur in die Schule gehen dürfen, wenn sie eine Schuluniform haben. Jose Miguel und seine drei Geschwister können also nicht mehr zur Schule gehen. Deswegen ist Jose Miguel jetzt manchmal bei uns, wenn seine Freunde zur Schule gehen. Er guckt sich dann die Bücher an, die wir zum Lernen mit den Kindern gekauft haben.
Auf dem Play wollen die anderen Kids nicht, dass Jose Miguel mitspielt. Er wäre zu klein, es wäre zu gefährlich. Also sitzt Jose Miguel am Rand und schaut den anderen beim Spielen zu.
Ich frage mich nicht mehr so oft wie früher, warum aus Kindern Kriminelle werden.


Hinterlasse einen Kommentar
Kommentar-Feed für diesen Beitrag